Die erneuerte Bamberger Tracht 2011



Auf der Grundlage historischer Quellen konnte 2011 eine erneuerte Tracht für Bamberg Stadt und Land entwickelt werden. Die am 11. November im Bauernmuseum Bamberger Land vorgestellten Modelle reichen von einer opulenten Festtagstracht bis hin zu einer sommerlich leichten Alltagstracht. Hinsichtlich Material, Farben und Dessin bieten sich zahlreiche Variationsmöglichkeiten für den persönlichen Geschmack.
Die neue Bamberger Tracht orientiert sich an der Silhouette des späten 18. Jahrhunderts und besitzt als Hauptmerkmale ein bis auf die Hüften reichendes Mieder sowie die Vorliebe für Streifendessins.



Die Region
Der heutige Landkreis Bamberg umfasst als der flächenmäßig größte Landkreis Oberfrankens sehr unterschiedliche Landschaften und Regionen. Im Westen grenzt er an die Haßberge und den Steigerwald, im Südosten zählt er zur so genannten Fränkischen Schweiz, einem bis heute aktiven Trachtengebiet, und im Süden zeigen sich enge Bezüge zu Mittelfranken. Trotz unterschiedlichster nachbarschaftlicher Einflüsse war die ländliche Kleidungsweise jedoch geprägt von Bamberg als dem geistlichen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der Region. Vor allem in den konfessionellen Mischzonen hatten sich deutliche Unterscheidungsmerkmale in der Kleidung herausgebildet. Das bekannteste Zeichen der Zugehörigkeit zum Erzbistum Bamberg war die so genannte Bamberger Flügelhaube, die von etwa 1820 bis in die 1860er Jahre auch in den Städten und Marktflecken des gesamten Bistums Bamberg getragen wurde, nachdem sie in der Stadt Bamberg neueren Formen der Kopfbedeckung gewichen war.


Die historischen Quellen
Während es in der Staatsbibliothek Bamberg einen reichen Bestand an bildlichen Quellen zur Tracht gibt, ist die Zahl an originalen Kleidungsstücken aus der Zeit vor 1880 ausgesprochen gering. Bereits in der Trachtenerneuerungsbewegung um 1980 musste man deshalb auf Grafiken aus der Zeit um 1820 zurückgreifen. Aussagekräftige Hinweise auf die ländliche Kleidungsweise findet man in den Berichten der Amtsärzte ab 1828 sowie in amtlichen Stellungnahmen zur Tracht aus den Jahren 1842 und 1852. Als weitere Quelle und Grundlage für die Trachtenerneuerung 2011 wurden Nachlassinventare aus Hallstadt und dem ehemaligen Landgericht Burgebrach herangezogen.


Trachtenpflege und -erneuerung
In der Stadt Bamberg pflegt man seit dem späten 19. Jahrhundert die Tradition der Gärtner und Häcker, im Umland tragen zahlreiche Heimatvereine, Musikkapellen und Tanzgruppen verschiedene Formen wiederbelebter Trachten der Region. Eine Welle der Trachtenerneuerung erreichte Bamberg in den 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Der Wunsch nach attraktiven, zeitgemäßen Trachten mit regionalen Erkennungsmerkmalen setzte seit etwa 2008 in Oberfranken wiederum einen Prozess der Trachtenerneuerung in Gang. Gründliche Recherche nach historischen Quellen und sorgfältige Modellentwicklung bilden die Grundlagen der erneuerten Trachten für Coburg (2009), Kulmbach (2010) und Bamberg.

Die neuen Modelle für eine Bamberger Tracht wurden am 11. November 2011 in festlichem Rahmen im Saal des Museumsgasthofs Schmaus in Frensdorf präsentiert. Die VR Bank Bamberg ermöglichte dank ihrer finanziellen Unterstützung die Entwicklung und Ausführung eines Modells mit Varianten. Alle gezeigten Modelle zur erneuerten Bamberger Tracht 2011 wurden von der Schneidermeisterin und geprüften Trachtenschneiderin Monika Bürks aus Weimersheim entwickelt und ausgeführt. Die historischen Grundlagen erarbeitete die Trachtenberaterin für Oberfranken Dr. Birgit Jauernig.


Die historische Vorlage
Als Vorbild für die erneuerte Bamberger Tracht 2011 wurde ein Motiv der Künstlerin Margarethe Geiger gewählt. Die farbige Grafik der „Schmalzhändlerin“ entstand zusammen mit zwei weiteren Aquarellen während einer Reise Margarethe Geigers nach Bamberg im Jahr 1806. Bereits zuvor hatte die Schweinfurter Künstlerin eine Grafikserie mit Trachtendarstellungen aus Unterfranken herausgegeben.    


Überzeugend an der Grafik Margarethe Geigers ist die detailgetreue Wiedergabe der Kleidung. Deutlich lassen sich die Schnitte, Farben und Dekore der Kleidungsstücke erkennen bis hin zu Knöpfen und Auszier.

Die Schmalzhändlerin trägt ein Hemd mit spitzenverziertem Halsausschnitt, ein geknöpftes Mieder, einen blau-weißgestreiften Rock, eine weiße Schürze und eine blaue Schoßjacke sowie ein blauweiß gemustertes Halstuch und ein weißes Kopftuch.

Als Händlerin für ein zu damaliger Zeit kostspieliges Produkt, nämlich Butterschmalz, das sie in einer Butte auf dem Rücken trägt, hat sie nicht die übliche Kleidung für den Werktag gewählt, sondern eine weitaus bessere Variante, wie sie für den Gang in die Stadt oder den Besuch bei Verwandten üblich war. Da um 1806 die hohe Taille der Empiremode noch nicht auf das Bamberger Umland vorgedrungen war, entspricht ihre Silhouette mit der Betonung der natürlichen Taille noch der Mode des 18. Jahrhunderts.

Anders als bei späteren Darstellungen Bamberger Trachten sind Silhouette und Proportionen der Schmalzhändlerin Margarethe Geigers direkt in die Gegenwart übertragbar und entsprechen besser unserem modischen Empfinden als die kurzen Spenzer der Empiremode oder die Keulenärmel und großen Kragen des Biedermeier.

Bei der Analyse der übrigen Quellen zur Kleidung des 19. Jahrhunderts in Stadt und Land Bamberg können neben dem häufigen Auftreten von Rottönen die Streifendekore in den verschiedensten Farben als Hauptmerkmal bezeichnet werden. Entscheidend ist auch, dass sich, anders als in den umliegenden evangelischen Regionen, im Bamberger Land nicht der Miederrock durchgesetzt hat, sondern Rock und Mieder bzw. Leibchen zwei getrennte Kleidungsstücke blieben.


Die neuen Modelle
Die Kleidung der von Margarethe Geiger im Jahr 1806 abgebildeten Marktbäuerin wurde in insgesamt vier Modelle umgesetzt.

Die Festtagstracht besteht aus einem Mieder aus gestreifter Seide mit Glasknöpfen und einer Auszier aus Faltenrüschen rund um den Halsausschnitt. Der weite Rock ist aus einem leichten Wollmischgewebe gefertigt und wird kombiniert mit einer Schürze aus bestickten Seidenimitat (Polyester). Um die Variationsmöglichkeiten des Prototyps zu demonstrieren, wird der Rock auch mit einem schlicht gestaltetem Mieder und einer gestreiften Schürze aus Baumwolle kombiniert.

Das Sommermodell lehnt sich eng an das historische Vorbild an und besteht aus gestreiftem Leinen für Mieder und Rock. Beim Mieder wurde auf jegliche Auszier verzichtet. Der blauweiß gestreifte Rock lässt sich nach Belieben auch ohne die weiße Schürze tragen.
Die Blusen für beide Modelle orientieren sich ebenfalls an den historischen Vorgaben. Die geraden Ärmel und der Ausschnitt erlauben verschiedene Möglichkeiten der Verzierung, etwa schlichte Spitzen, Weißstickerei oder Fältelung. 
Die Modelle bieten zahlreiche Möglichkeiten für Variationen in Hinblick auf Materialien, Farben, Dekore und Auszier. Lediglich die Verwendung eines Streifendekors sollte als typisches Erkennungszeichen der Bamberger Tracht beibehalten werden.
 
   



Eine Bamberger Männertracht?
Die Entwicklung von erneuerten Trachten für Herren folgt aufgrund mangelnder Unterscheidungsmerkmale bei den wenigen erhaltenen originalen Kleidungsstücken einem gesamtoberfränkischen Konzept.

Angeboten werden seit 2011 bereits verschiedene Westen- und Hosenformen in Maßschneiderei. Jacken und Gehröcke nach historischen Vorbildern können auf Anfrage erstellt werden.

Mehr Informationen finden Sie hier...

Trachtenberatung Oberfranken

Trachtenerneuerung

Die Schnittmuster für die Modelle

"Coburger Land", "Kulmbach", "Bamberg"und das "Wunsiedler Mieder"

in den Größen 36-38, 40-42, 44-46 können in der Trachtenberatungsstelle Oberfranken bestellt werden.

Schnittmuster für die erneuerte Tracht „Hofer Land“ erhalten Sie im Oberfränkischen Bauernhofmuseum Kleinlosnitz (Tel. 09251/3525), für die Rehauer Tracht bei Schneidermeisterin Anna Busch (E-mail: kontakt@atelier-angemessen.de; Tel. 09283/5910750).